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Gedanken zum Monatsspruch Juni 2021

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5, 29)

Diesen Satz hat Martin Luther vor 500 Jahren in seinem Versteck auf der Wartburg vom Griechischen in die deutsche Sprache übersetzt, kurz nach seiner Anhörung vor dem Kaiser beim Reichstag in Worms. Vielleicht hat er sich in der Geschichte der Apostel wiedergefunden? 

Petrus und die Menschen in der Jerusalemer Gemeinde wurden vom Hohen Rat aufgefordert, nicht über Jesus zu predigen, sonst drohe die Gefahr, verhaftet zu werden. Was der Hohe Rat mit Jesus gemacht hat, war sicherlich noch deutlich vor Augen. Ganz ähnlich musste Martin Luther gut überlegen, ob er seine Thesen widerruft.

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ So stellten sich Petrus und Martin Luther gegen die Menschen, die über ihr Leben und ihren Tod entscheiden konnten. Auch wenn die berühmten Sätze nicht aus dem Mund der Akteure kommen, haben die Autoren die mutige Haltung jener trefflich wiedergeben.

Die wirkungsvollen Sätze zeigen uns, dass kurze, klar positionierte Texte nicht nur im Alter der sozialen Medien besser bei Menschen ankommen. Mutig und entschlossen wurden Petrus und Martin Luther dadurch dargestellt. Es hat Menschen begeistert, sie nachzuahmen.

Bei Petrus und Martin Luther ging es aber nicht um Schlagfertigkeit in einer Konfliktsituation oder um Selbstdarstellung eigenen Mutes, sondern es ging um eine Überzeugung, für deren Verbreitung sie sich verpflichtet fühlten. Die Begegnung mit Jesus und die Auferstehung haben Petrus Leben verändert. Nichts wird ihn hindern, darüber zu predigen, dass Jesus lebt. Martin Luther wusste ganz genau, wo seine Quelle war. Sein Gewissen erlaubt ihm nicht, gegen die Erkenntnis, die er aus der Bibel gewonnen hat, zu sprechen. Ihre beiden Überzeugungen sind tiefbegründet im Gottvertrauen und in der Liebe zu Gott und den Menschen.

Welche Überzeugungen bewegen Sie heute? Zu was fühlen Sie sich verpflichtet? Wie begründen Sie ihre Entscheidung in Konflikten? Woher holen Sie sich Kraft?

Gerne können wir darüber ins Gespräch kommen.

Eine gute Sommerzeit und viele herzliche Segensgrüße!

Ihre Luping Huang

Gedanken zum Monatsspruch Mai 2021

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind (Sprüche 31, 8)

Liebe Gemeinde,

diese Worte stammen nicht etwa aus dem Munde Gottes oder eines Propheten oder von Jesus, wie man vermuten könnte; mit dieser Aufforderung bereitet eine kluge Mutter ihren königlichen Sohn auf seine Regierungsgeschäfte vor.

Schauen wir doch einmal in Regierungserklärungen in der Vergangenheit und Gegenwart: da findet sich das Eintreten für die Stummen und Verlassenen eher selten. Meist geht es um Vorhaben, die ein Land wirtschaftlich und politisch nach vorne bringen sollen; das Land soll schöner und glänzender werden. Allerdings braucht ein Regierungschef oder ein Minister auch für seine besten und edelsten Vorhaben politische Mehrheiten. Heraus kommen allzu oft Kompromisse, die die ursprüngliche Absicht und die bemerkenswertesten Vorhaben weichspülen oder kaum noch erkennen lassen.

Die schon erwähnte kluge Königsmutter gibt ihrem Sohn nur diesen dürren Satz mit auf den Weg. Wozu will sie ihn damit ermutigen, wovor will sie ihn warnen? Braucht es wirklich nur diesen einen Satz, um zu regieren?

„Ja!“, so sagt es der Vers aus dem Buch der Sprüche im Alten Testament. Die Worte kommen, im besten Sinne des Wortes, kompromisslos daher. Sie enthalten aber auch eine Wucht: den Blick zu lenken auf die wirklichen Zustände in einem Land, fernab von Schönfärberei, Wunschdenken oder Lobbyarbeit. Wie viele Menschen sind wirklich an den Rand gedrängt, fühlen sich ausgegrenzt, kommen in den Erzählungen bei uns nicht vor? So spricht die kluge Mutter nicht nur zu ihrem Sohn, sondern eher zu uns. Wo kommen in unseren Erzählungen und Gesprächen diejenigen vor, die nie für sich die Stimme erheben konnten, die aber darauf warten, dass sich ihrer angenommen wird?

Wie viele pflegende Angehörige, Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, Menschen, die Sterbende begleiten, wünschen sich, dass auch von ihnen erzählt wird und ihre Themen nach vorne gebracht werden? Es wäre eine ganz andere Form des Regierens. Aber auf diesem Regieren liegt der Segen Gottes.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Christoph Noack

Gedanken im April 2021

Eine klassische Frage für Schülerinnen und Schüler, Konfirmandinnen und Konfirmanden: Darf man Gott malen?

Laut Exodus soll man kein Bildnis von Gott machen. In der Antike nahm man ein Bild viel ernster wahr als wir heute. Ein Bild bedeutete die Gegenwart des Abgebildeten. Die Gefahr, das Bild mit dem wahren Gott zu verwechseln, das Bild zu vergöttlichen, war sehr groß. Gott ist unsichtbar, und viel größer als wir uns vorstellen können, er lässt sich nicht von einem sichtbaren Bild festhalten. Ein Bild schränkt ein, Gott in seiner Fülle und allen Facetten kennenzulernen.

Aber Menschen brauchen eine Hilfe, um Gott näher zu kommen. Für die Gottesdienste, für ein Gebet brauchen viele eine Richtung, eine Konzentrationsunterstützung.  Ein Bild von Gott zu malen hat in der Geschichte der Menschheit nie aufgehört. Bei einer bildlichen Darstellung Gottes bringen Menschen ihr Gottesverständnis zum Ausdruck. Es soll kein Gegenstand der Anbetung sein. Es ist vielmehr ein Bekenntnis, ein Lob, eine Verkündigung der Botschaft, die die Beziehung mit Gott fördert. In diesem Sinne ist es sogar wertvoll, ein Bild über Gott zu malen.

Gott selber bietet uns durch Christus eine Annäherungshilfe an. Der Mann aus Nazareth lebte über dreißig Jahren als Jude in Palästina. Er war nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören in Fleisch und Blut. Im Christentum ist es kein Problem, Jesus bildlich darzustellen. Ein guter Hirte, ein Prediger, einer, der Kinder auf den Schoß nimmt, einer, der Sturm stillt, ein Leidender am Kreuz, ein Auferstandener mit Wunden in der Hand.

In dem Hymnus, aus dem der Monatsspruch entstammt, bekennen die Urchristen Christus als den Erstgeborenen der ganzen Schöpfungen. Ein Erstgeborener im Alten Testament genießt eine Vorrangstellung vor den Geschwistern und ist prädestiniert, besondere Verantwortung zu tragen. Christus ist eine Brücke zwischen Menschen und Gott. Er ist der Weg, der zum Vater führt. Wir dürfen ohne Furcht zu Gott kommen, uns zu ihm bekennen, ihn loben und anbeten, wie die Urchristen damals und heute mit allen Geschwistern auf der ganzen Welt. Die Begegnung mit Gott schenkt uns den ersehnten Frieden, der auf dieser Welt nicht zu finden ist. Und das heilt.

Liebe Leserinnen und Leser, wenn Sie ein Bild malen/aussuchen würden, um Ihre Beziehung mit Gott darzustellen, wie würde es aussehen? Gerne können Sie es mit mir oder Menschen, die Ihnen nahe sind, teilen.

Ein friedliches Osterfest wünsche ich Ihnen mit herzlichen Segensgrüßen
Ihre Pfarrerin Luping Huang

Gedanken zum Monatsspruch März 2021

Jesus antwortete: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien (Lukas 19, 40)

Liebe Gemeinde,

Steine schreien nicht. Sie sind keine atmenden Wesen, haben keine Stimme. Allenfalls werden sie gesammelt, gelten als stumme Zeugen vergangener Zeiten. Ansonsten werden sie weggeworfen und vergessen.

Als das Lukasevangelium geschrieben wurde, war Jerusalem seit zehn, zwanzig Jahren zerstört. Nicht nur die Häuser waren verbrannt; der Tempel war in Schutt und Asche gelegt und das Volk, die Menschen Jerusalems, in alle Winde zerstreut. Wie sollte man aus dieser Katastrophe jemals wieder herauskommen? Gab es ein Leben nach der Katastrophe, ein Auferstehen aus Ruinen?

Jesus zieht hier hinauf nach Jerusalem; er tut es bewusst; er weiß, was er tut und was ihn dort erwartet. Doch seine Jünger und mit ihnen viele andere jubelten bei seinem Einzug in die Stadt. Mit trotziger Parodie riefen sie: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ Ein Todgeweihter wird als König begrüßt? Und noch in diese gespenstische Parodie hinein rufen einige Pharisäer zu Jesus: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“ Will sagen: „Bringe die Rufenden zum Schweigen!“

Jetzt holt Jesus zu einer Gegenrede aus: „Wenn Ihr (die Pharisäer) meinen Jüngern verbietet, Gott zu loben, vom Frieden zu reden, dann werden die Steine schreien.“ Dieser Satz stellt sich quasi schützend vor die Jünger: Lassen wir sie doch ihre Sehnsucht, ihr Loben hinausschreien, gegen alle Vorsicht, gegen alles Rücksichtnehmen auf die Mächtigen. Damals wie heute.

Liebe Gemeinde, Schreien hat etwas Ursprüngliches, etwas Irrationales. Menschen schreien, wenn sie sich anders nicht mehr zu helfen wissen oder anders nicht wahrgenommen werden. Hier möchte ich einmal von einem Schreien für die Menschlichkeit sprechen. Wenn sich korrupte Autokraten hemmungslos bereichern, Kritiker einsperren und auch diejenigen mundtot machen, die dagegen angehen, spätestens dann ist es Zeit für den Schrei der Menschlichkeit.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Christoph Noack

Gedanken zur Jahreslosung 2021

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6, 36)

Wann habe ich das Wort „barmherzig“ im vergangenen Jahr benutzt? Die Antwort ist klar: nur im Gottesdienst, beim Gebet, bei der Anrufung Gottes. Im Neuen Testament ist das Adjektiv barmherzig (oiktirmos) nur eine Beschreibung Gottes,  außer in Lukas 6, 36, woher die Jahreslosung stammt.

Barmherzigkeit ist mehr als Mitleid: Sie konkretisiert die Liebe, betont Mitgefühl mit Menschen in Not, bedingungslose Vergebung von Verfehlungen, und fordert auf zu handeln. Barmherzigkeit geht von einem Machtgefälle aus, überwindet aber diese Ungleichstellung, indem eine*r zu Gunsten des Gegenübers freiwillig eigene Handlungsfreiheit einschränkt. Diese Art von Barmherzigkeit kann eigentlich nur Gott haben. Die Jahreslosung fordert uns aber auf, barmherzig zu sein. Man fragt, ist es keine Überforderung für uns Menschen? Wie geht das, wenn wir von Anfang an wissen, dass es eigentlich nicht möglich ist, vollkommen nach diesen Kriterien zu handeln?

Keine Angst, wir fangen mit dem zweiten Teil des Verses an: „wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Wir Menschen sind in erster Linie Empfänger dieser Barmherzigkeit. Nach der Erkenntnis von Jean Piaget, dem Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie, handelt ein Mensch in seiner ersten Entwicklungsstufe egozentrisch. Er kann nur aus eigener Perspektive die Welt kennenlernen und weiß nicht, dass andere Perspektiven existieren. Dieser Egozentrismus behindert Menschen in gewissem Grad, sich in die Rolle von anderen hineinzuversetzen, um Mitgefühle zu entwickeln, die für ein gelingendes Zusammenleben wichtig sind. Perspektivwechsel finden nicht von alleine statt, wenn man älter wird. Diese Kompetenz muss aktiv erworben werden. Das beste Vorbild für Perspektivwechsel ist der barmherzige Gott selbst. Gott erkennt den Egozentrismus der Menschheit an, durchbricht beispielhaft die Isolierung zwischen Menschen und Gott, indem er die Perspektive eines Menschen einnimmt, um eine Beziehung mit uns Menschen aufzubauen. Für mich ist es sehr entlastend, dass der Egozentrismus des Menschen von Gott anerkannt und so akzeptiert wird, wie er ist. Durch die Menschwerdung Gottes ist eine göttliche Perspektive für uns eröffnet, die Grenze der eigenen Perspektive zu erkennen, anzuerkennen und in der göttlichen Perspektive sich selbst zu akzeptieren, so wie wir sind.

In der Perspektive Gottes nehmen wir unsere Mitmenschen und die Umwelt wahr, als Geschwister und Mitgeschöpfe Gottes, die wie wir Empfänger dieser Barmherzigkeit sind und gleich wie wir eigene Grenzen haben. Wir fangen an, Gott nachzuahmen, barmherzig zu sein, barmherzig zu uns selbst, barmherzig zu sein zu unseren Mitmenschen, besonders zu denen, die auf unsere Hilfe, unser Vergeben angewiesen sind.

Barmherzigkeit ist 2021 wichtiger denn je für uns in der Gemeinde und in der Gesellschaft. Unter der Kontaktbeschränkung werden Menschen mehr als sonst räumlich getrennt. Wir sehnen uns danach, die Isolation zu durchbrechen, um gemeinsam diese harte Zeit durchzuhalten. Möge Gott uns die Weisheit und die Kraft schenken,  ihn nachzuahmen und so  ein Segen für einander zu sein. Amen.

Es grüßt Sie herzlich
Ihre Pfarrerin Luping Huang  

Gedanken zum Monat Dezember 2020

Brich den Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! (Jesaja 58, 7) „Ist ein Gast im Haus, so ist Gott im Haus“, lautet ein polnisches Sprichwort. Dafür steht auf dem festlich gedeckten Weihnachtstisch ein zusätzliches Gedeck für unerwartete Gäste bereit. Dieser Brauch erinnert an die Weihnachtsgeschichte nach Lukas, als Maria und Josef in Bethlehem keine Herberge fanden. Der leere Platz am Esstisch drückt aus: Gott ist mitten unter uns. Kommt zu uns in einem Kind, wird unser Fleisch und Blut. Das feiern wir an Weihnachten.

Auch im Judentum gibt es eine ähnliche Tradition beim Passahmahl: Ein Stuhl und ein Gedeck mit einem gefüllten Weinglas werden bereit gehalten für den Propheten Elija. Denn sein Kommen kündigt den Messias an.

Ein freier Platz mit einem zusätzlichen Gedeck am Tisch zu Weihnachten. Das wäre doch was, wenn in diesem Jahr zu Weihnachten Stühle an unseren Tischen leer bleiben müssen. Wir halten die leeren Plätze symbolisch frei: für Gott – und die Gäste, die wir nicht sehen können. Und für die, die meistens übersehen werden: die Hungrigen, Obdachlosen, Platzsuchenden.

Wie wäre es, das Geld, das wir dieses Jahr einsparen, bewusst zu spenden? Weil es nicht so viele Gäste zu bewirten gibt oder weil wir nicht reisen können. Es gibt viele, die auf unsere Hilfe warten: in der Welt und unter uns, durch die Corona-Krise sind es noch mehr geworden. „Brich den Hungrigen dein Brot!“ Diesen Aufruf zum Teilen bezieht Jesus im Matthäusevangelium auf sich selbst: „Was ihr getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir getan.“

Dieses Jahr müssen wir auf vieles verzichten. Doch dadurch wird auch der Blick freier auf das, was wir und die Welt wirklich brauchen: Hoffnung und Solidarität. Lassen wir dafür einen Platz an unseren Tischen frei! So wünsche ich uns eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

Ihre Sabine Beuter – Pfarrerin

Gedanken zum Monat November 2020

Liebe Gemeinde,

das Kirchenjahr neigt sich dem Ende zu und der Beginn des neuen kündigt sich mit der Adventszeit an. Aber es ist schon merkwürdig, dass unser Kalenderjahr dann endet, wenn im Kirchenjahr alles beginnt! Christliche Hoffnung richtet sich seit je her auf das Kommen des Reiches Gottes: „Dein Reich komme!“, betet die weltweite Christenheit täglich. Und so, wie es mit unserer Welt auszusehen scheint, kann Gottes Reich erst dann kommen, wenn die Welt vergeht. Und wie oft haben Menschen im Namen von Religionen das Weltenende angekündigt und mit kommenden Schrecken versucht, Macht über Menschen zu erlangen? Doch gerade das ist nur die Sprache dieser Welt: Macht und Gewalt, die Not und Unrecht hervorruft. Wer so vom Weltenende redet, als käme ein neues, machtvolles, gewaltiges Weltreich, der hat nicht begriffen, wovon Jesus redet.

Was Jesus den Menschen ins Herz pflanzen wollte, als er vom unbemerkt unter uns aufkeimenden Reich Gottes sprach, das ist ein Geheimnis, eine Botschaft, die sich nicht wie politische Parolen in den Straßen breit macht. Gottes Botschaft für uns kommt in einer schwachen, unscheinbaren Gestalt zu uns, als offenbartes Geheimnis: Gott wird Mensch, Gott macht sich klein, begibt sich da hinein, wo die Sehnsucht nach Veränderung, nach Leben und Liebe am größten ist: in die Not und Leere der Menschen.

Das ist das Geheimnis, das uns von Gott her gesagt ist: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagt Jesus. Er ist gekommen, nicht zu vernichten, sondern das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen! Das offene Geheimnis des Reiches Gottes gleicht dem Geheimnis der Liebe unter uns Menschen: Liebe kann man nicht sehen, aber dennoch hat sie die Macht, alles zu verwandeln, wie ein unscheinbarer Löwenzahn. So stark kann sie sein, dass sogar Beton und Straßenteer zersprengen. Das Sonderbare am Reiche Gottes ist, dass sich Gott selbst in seine Welt hineinbegibt als Kind. So geschieht das Wunder: Die alte Welt vergeht, nicht weil Gott sie zerstört, nein, weil er selbst sie liebend an sich bindet und von innen her verwandelt.

Es scheint manchmal so, als ob seine Kraft nicht existiert, aber seien Sie getrost: Die Welt wird vergehen, so wie das Kalenderjahr die vergehende Zeit unaufhaltsam anzeigt. Euch aber ist ein Geheimnis gesagt: Da, wo die Welt vergeht, breitet sich Gottes Reich aus. Denn Gott steht nicht nur am Anfang unserer Welt, er steht auch an ihrem Ende. Und bei aller Hetze unseres Lebens können wir ihm nur in die Arme stürzen, tiefer nicht!

Jesus Christus spricht: Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe … denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette. (Joh 12, 44f)

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Arndt Klemp-Kindermann (Pfarrer)

Gedanken zum Monat Oktober 2020

Suchet der Stadt Bestes … und betet für sie zum lebendigen Gott; denn wenn’s ihr wohl geht, geht’s euch auch gut. (Jeremia 29, 7)

Masken tragen - Abstand halten – „Neue Normalität“.

Was ist gerade das Beste für unsere Stadt, die Welt?

Suchet der Stadt Bestes!“

Jeremia, der Prophet, schrieb diese Worte an Menschen im Exil. Nach der Eroberung durch die Babylonier 585 v. Chr. leben viele Israeliten in der Fremde verschleppt. „Suchet dieser Stadt Bestes!“ klingt aus dieser Situation noch einmal verschärfter als in unserer. – Ist das nicht Kollaboration, mit, ja für die feindliche Umgebung zu arbeiten und zu beten?

Auch wenn wir uns gerade nicht ganz ungezwungen bewegen und treffen können, befinden wir uns nicht in Gefangenschaft. Wir leben nicht unter einem Unrechtsregime, sondern in einer Demokratie. Demokratisch gewählte Regierungen in Bund und Ländern suchen mit Wissenschaft, Augenmaß und viel Geld nach dem Weg durch die Pandemie. Nicht allen leuchten alle Maßnahmen ein und manche leiden massiv darunter.
Es ist auch möglich, dass sich einiges im Nachhinein anders herausstellt.
Und ja, es ist ärgerlich, wenn Politiker Krisenmanagement und Wahlkampf vermischen.

Trotzdem bin ich dafür, den gegebenen Regeln zu folgen und für sie zu werben, auch wenn das Leben in unseren Gemeinden darunter leidet.
Gottesdienste können nur unter strengen Voraussetzungen stattfinden, Chöre wenig oder gar nicht proben und Abendmahl zu feiern ist kaum möglich…

Das mag nach Anpassung klingen, ist aber in meinen Augen die Übernahme von Verantwortung für das Ganze der Gesellschaft. Ein Gebot der Nächstenliebe, das auch mir letztlich zugutekommt: „Suchet der Stadt Bestesdenn wenn’s ihr wohl geht, geht’s euch auch gut.“ Und es wird  gerade auch vieles neu: Wir feiern Gottesdienste anders und treffen uns draußen und online. Wir Christen gehen plötzlich ins Freie, heraus aus der Komfortzone in die Öffentlichkeit, werden sichtbar, hörbar. Nicht nur mit unserem Gesang und Gebeten, sondern auch mit Worten und Taten auf der Suche nach dem Besten für unsere Welt. Christsein ist keine Insel fernab der Welt, sondern Verantwortung mitten in ihr.

So grüße ich Sie herzlich zum Herbst und wünsche Ihnen alles Gute

Ihre Sabine Beuter – Pfarrerin

Gedanken zum Monat September 2020

Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat. (2. Korinther 5, 19)

Liebe Gemeinde,

hören wir das Wort „Versöhnung“, so denken wir an große Gesten des Vergebens, des Sich-Aussprechens. Fast unerreichbar scheint uns Versöhnung; sei es zwischen Verwandten, zwischen Nachbarn, zwischen Völkern. Denken wir etwa an die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika nach dem Ende der Apartheid: bei derart gewaltigen Verbrechen, bei dieser Ungerechtigkeit, die dort jahrzehntelang gegenüber den Farbigen herrschte, kommt Versöhnung einer kaum leistbaren Aufgabe gleich.

Etwas näher sind uns da vielleicht Eindrücke aus unserem Umfeld. Folgende Situation sei beschrieben:

Eine Familie schafft es am Sonntagmorgen um 10 Uhr gerade so in den Gottesdienst; nach längerer Zeit will sie dies einmal wieder gemeinsam tun. Doch zuvor Stress zu Hause: hat jeder was gegessen? Ist die Kleidung okay? Wurden die Kinder rechtzeitig geweckt? Und vieles mehr. Dabei treten natürlich Spannungen auf; ein Wort ergibt das andere, womöglich war auch ein unschöner Wortwechsel dabei.

Und nun sitzen sie neugierig und erschöpft in den Bankreihen; jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Plötzlich ertönt von vorne die Anweisung des Pfarrers: Nun gebt einander ein Zeichen des Friedens! In den Bankreihen ringsum scheint das zu funktionieren: Nachbarn, Bekannte, die sich auf das Wiedersehen gefreut haben, geben sich (lange vor Corona!) die Hände, umarmen sich vereinzelt, sagen „Schalom“ oder „Friede sei mit dir“. Nur in unserer Familienbank macht sich Beklommenheit breit. Schweigend sitzen sie da; dann klopfen sie sich (wenig überzeugend) auf die Schulter; doch am liebsten würde der eine oder andere rausrennen…

Zeichen des Friedens, gar der Versöhnung auf Befehl, auf Bestellung? Das Alte Testament weiß um diese Gemengelage und schreibt in großer Weisheit: Versöhne dich erst mit deinem Nächsten, sprich dich mit ihm  aus und erst dann geht gemeinsam in den Tempel, in den Gottesdienst! Zwischenmenschliche Spannungen versperren den Blick und das Ohr auf das Wort Gottes. Gott will nicht, dass wir uns auf Bestellung aussprechen; es braucht Zeit und Kraft. Aber angelegt ist die Gabe dazu in uns. Wer sie nutzt, dem steht Gott auf diesem Weg bei.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Christoph Noack.

Gedanken zum Monat August 2020

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. (Psalm 139, 14)

Liebe Gemeinde,

das sind Worte, die zum Durchatmen einladen; es sind Zeilen, die unser Leben in einem freundlichen, fröhlichen Licht scheinen lassen. Endlich einmal natürliche Freude und Dankbarkeit! In Gottesdiensten, Gebeten und Fürbitten hören wir ja oft nachdenklichere Töne, die uns zudem ermahnen oder zu etwas auffordern. Auch die Mühseligen und Beladenen werden hier nicht erwähnt, so sehr uns ihr Schicksal auch nahegehen mag.  Hier nun also eine unverstellte Freude.

Die Zeilen dieses Psalms sind eingebettet in die Faszination über Gottes Schöpfung, seine gute Ordnung. Alle Teile der Schöpfung scheinen wie ein wohlüberlegtes Puzzle zueinander zu passen; ohne die komplexen naturwissenschaftlichen Zusammenhänge zu kennen, fühlten sich die Schreiber dieser Worte gut aufgehoben in der Schöpfung: jedes Geschöpf hat den ihm zugewiesenen Platz, alles ist aufeinander abgestimmt. Auch der Wechsel von Tag und Nacht, Licht und Finsternis, Hitze und Kälte, Trockenheit und Regen gehören in diese verlässliche Ordnung. Auch der „verlässliche“ Gott gehört in diese Ordnung: so, wie er die Welt geordnet hat, so ist er mir Schutz und Partner für mein Leben, für meine Seele. Da ist keine Rede von einem zornigen oder richtenden Gott, wohl aber von einem Gott, der mir sagt: du bist kein Zufallsprodukt. Mit deiner Seele und deinen Talenten bist du gewollt.

Neben den Eltern gibt es noch eine weitere Quelle für mein Leben, für meine Seele. König David, dem diese Zeilen zugeschrieben werden, hält Zwiesprache mit Gott; in den Zeilen zuvor von Gott, der immer und überall zu finden ist. Und danach wird dem David Gottes Schutz fast übermächtig, überpräsent. Doch erscheint Gott nicht als Bewacher, nicht als einer, der einengt, sondern der Grund zu Freude und Dank ist.

Dass ich wunderbar gemacht bin, wie es der Psalm ausdrückt, heißt auch, sich über seine eigenen Stärken und Talente zu freuen; neben allen Schwächen, die wir allzu gut kennen. Aber Gott kennt unsere guten Seiten, unsere persönlichen Gaben. Und er ermuntert uns, diese Gaben nicht zu verstecken, sondern sie zum Wohle aller einzusetzen.

Einen freundlichen Blick auf Ihr eigenes Leben wünscht Ihnen herzlich

Ihr Christoph Noack.

Gedanken zum Monat Juli 2020

Liebe Gemeindeglieder,

der Sommer ist da und hoffentlich können Sie ihn genießen trotz der immer noch geltenden Beschränkungen durch das Covid19-Virus.

Sommer, Sonne, Wärme, dazu noch ein Badesee – Eis und Grillfeiern. Der Garten und das satte Grün. – Der Sommer ist die Jahreszeit des vollen und satten Lebens. Leben intensiv spüren und die Schönheit der Schöpfung ohne Arbeitsdruck wahrnehmen, das gehört für mich zum Sommer dazu. Sommerfreizeit ist Segenszeit, Zeit, in der wir entspannen können, um das Leben als Geschenk anzunehmen – vielleicht bei einem Glas Wein auf einer Terrasse mit freundlichen Menschen über das Leben sinnieren und dabei spüren, dass wir alle Teil eines größeren Ganzen sind…

Andererseits bedeutet Sommer für manche puren Stress: der Urlaub muss geplant werden, gepackt, das Geld kalkuliert und alle sollen zufrieden sein, hohe Erwartungen sind zu erfüllen. Oder Enttäuschungen sind auszuhalten, wenn keine Reise geplant werden kann. Dennoch, der Sommer ist geschenkte Zeit.

Als ich Schüler war, waren die finanziellen Möglichkeiten gering. Ein Freund überredete mich, mit einer Pfadfindergruppe auf Wanderschaft zu gehen. Ich kannte nur ihn. Ein Wagnis, das ich immer wieder gerne eingehen würde. Wir waren 14 Tage nur auf uns gestellt: ein Dutzend junge Menschen mit nichts weiter dabei als dem, was sie auf dem Rücken tragen konnten, dazu die grandiose Naturkulisse des Dordogne-Tals in Südfrankreich, und das alles vom Pfadfinderverein gefördert, mit dem Ziel Menschen zusammenzubringen.

Die Erfahrung, mit völlig Fremden unter dem gleichen Sternenhimmel zu liegen und über das Leben zu philosophieren, werde ich nie vergessen. Einmal gerieten wir auf einem Zeltplatz mit französischen Jugendlichen in Streit, den die Alten aus dem Dorf gelassen schlichteten, indem sie von der schlimmen Zeit im Krieg berichteten. Danach saßen wir alle am Lagerfeuer und erlebten Versöhnung! Das werde ich nie vergessen und hoffentlich daraus immer den Gedanken zurückgewinnen, den Bettina Wegner in ihrem Lied „Jesus“ so dramatisch zusammengefasst hat:

„…Jesus war Pole und Jude dazu / Jesus war'n Schwarzer und kam aus Peru / Jesus war Türke und Jesus war rot…“

Wir müssen begreifen, dass das Leben einen gemeinsamen Ursprung hat, den wir alle teilen, und dazu ist Gott in Christus Mensch geworden, um das zu lernen.

Lassen wir einmal alles weg, was uns im Alltag so sehr beschäftigt, und blicken auf das Leben um uns herum, zu dem wir gehören, dann kann uns vielleicht doch mehr Dankbarkeit erfüllen und ins Leben zu den Mitmenschen leiten, als der Frust, die Sorgen oder der Neid, dieses oder jenes nicht zu haben oder zu können.

Wem das gelingt, der ist reich beschenkt, wie es in Psalm 115 steht:

„Gott segnet … die Kleinen und die Großen. Der Herr segne euch je mehr und mehr, euch und eure Kinder! Ihr seid die Gesegneten des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

Wir sind mit Leben gesegnet, lasst uns das genießen und teilen!

Ihr Pfarrer Arndt Klemp-Kindermann

„Pfingsten in Babylon?“

Liebe Gemeindeglieder,

wir erleben besondere und leider auch schwierige Zeiten. Ich frage mich, wie wird dieses Jahr Pfingsten gefeiert? – Ein winziges Virus hat unser Leben aus den Angeln gehoben. Wir sind gezwungen, uns auf die veränderten Bedingungen einzustellen. Was wird diese Zeit mit uns machen? Wie werden unsere Familien, Freunde, Bekannten und wir selbst durch diese Zeit kommen? – Ungewissheit ist ein urmenschliches Gefühl und wenn es zur Furcht wird, kann es unser ganzes Leben gefangen nehmen. Dabei kommt es gerade in schwierigen Zeiten darauf an, Herz und Verstand beisammen zu halten.

Im Kirchenjahr ereignen sich parallel zu unseren Zeiten Feste, bei denen Leid, Unsicherheit, Scheitern, Hoffnung, Unverständliches und Wege ins Unbekannte bestimmend sind: Jesu Passion, Ostern und Pfingsten.

Manches ähnelt vielleicht unseren Erfahrungen in der Corona-Krise? – Wir sehen, wo unser Leben auf tönernen Füßen gebaut ist: die Wirtschaft, die so sehr auf Abhängigkeiten beruht, unser Planen, das nicht mit der Zerbrechlichkeit des Lebens rechnet, aber auch der Mut und die Solidarität vieler Mitmenschen, spontan oder organisiert und treu in sogenannten systemrelevanten Berufen.

Leben im Wandel mit verändertem Blick! – Das war Pfingsten. Jesu Jünger mussten neue Formen des Zusammenlebens finden. Es entstand die erste Gemeinde, die Kirche, ausgerichtet auf solidarisches Zusammenleben, in der Hoffnung auf eine bessere Welt, durch Jesu Geist. – Diese Krise hat die Menschen nicht in die Verzweiflung getrieben. Der Weg ins Unbekannte ist zwar nicht zum Himmel auf Erden geworden – der soll ja erst noch kommen. Aber die ersten Christen spürten Gottes Geist, der sie trug. Die Kirche ist sozusagen das Provisorium auf dem Weg zu Gott.

Schon im Alten Testament gibt es Bilder, die diesen improvisierten Weg auf Gott zu beschreiben. Vielleicht ist ein Leben mit Gott immer eine Art Improvisation in Sachen Glaube, Hoffnung Liebe? – Der Prophet Sacharja entwickelt auch ein Hoffnungsbild von der kommenden Welt Gottes in schwierigen Zeiten: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Sach 4, 6b)

Israel war verschleppt und ohnmächtig, lebte seit Jahrzehnten in der babylonischen Kriegsgefangenschaft. Dort versuchte es seinen Glauben nicht zu verlieren. – Babylon war eine prächtige Kultur. Vermutlich sind viele Israeliten Babylons Verführungen erlegen. Doch nun war alles anders. Der Perserkönig Kyros II. verfügte nach der Eroberung Babylons, dass alle heimkehren könnten. Aber was erwartete sie da? Das gelobte Land? – Jerusalem war ein Trümmerhaufen.

Liebe Gemeinde, warum sollte man im Leben Einschränkungen in Kauf nehmen? – Das ist vielleicht für viele mit Blick auf die Pandemie eine der brennendsten Fragen. Dabei war diese Frage ja durch die Diskussion über die aufgeheizte Konjunktur und ihre Folgen für die soziale Gerechtigkeit und Umwelt schon lange aktuell: Rüstungsexporte und Bürgerkriege, Flüchtlingswellen und Dürrekatastrophen… Können wir da einfach weiter machen wie bisher? – Während die Staaten streiten, ob in der globalisierten Welt gerechtere Strukturen geschaffen werden sollten, schleicht sich ein Virus ein, das alles schachmatt setzt. Was passiert hier gerade? – Sicherlich keine Strafe Gottes!

Das Leitthema der Bibel ist Rettung! Der biblische Gott schafft Gebote zum Schutz des Lebens. Das Kreuz Christi zeigt den mitleidenden Gott, der sich mit den Schwachen solidarisiert. Alle Propheten, die sahen, dass der Weg aus Egoismus und Gier vor die Wand läuft, sprechen immer auch von Rettung, die Gott anbietet, wenn der Mensch sich auf seinen Geist des Lebens, der Liebe und der Hoffnung einlässt. Dennoch bleibt klar, dass unser Lebenswandel Folgen hat.

Es ist nicht möglich, zur Corona-Krise den Willen Gottes zu orakeln. Aber man kann die gottgegebene Vernunft nutzen und Schlüsse ziehen, ob dieses oder jenes Verhalten klug ist oder ob es einander schadet oder dient. Dazu kann man auch die Vergangenheit hinzuziehen. Das tun die Propheten, wenn sie sagen: „Erinnert Euch, wie Gott vorzeiten geholfen hat! Daran orientiert Euch jetzt!“ Das versucht Sacharja: „Durch Gottes Geist soll diese Welt verwandelt werden – ohne Gewalt!“ Und man darf im Menschen Jesus von Nazareth diesen Geist wiedererkennen: Jesus wird zum Christus, weil er sich der Liebe zum Leben hingibt. – Das Unbegreifliche an Gott ist seine Menschwerdung, sein solidarischer Weg mit und für uns. Das bedeutet Kreuz und Auferstehung. Auch wenn Sacharja vor 2550 Jahren keine Ahnung hatte, wer Jesus sein wird, so hatte er doch eine Ahnung, was Gottes Geist für unser Leben bedeutet: Es geht darum, in unserer Zeit nach Gott zu forschen. Sacharja gibt uns dazu Orientierungshilfen: „Schaut, was Gott gesagt und getan hat! Wie er Menschen begleitete und so sichtbar wurde.“ Gott ist Liebe, wie es Johannes zusammenfasst (1 Joh 4,16).

Für Sacharja war der Aufbruch in die Ungewissheit eine Chance, das Leben neu an Gottes Geist auszurichten und aus der Bequemlichkeit des babylonischen Luxus und der Faulheit der Gefangenschaft auszubrechen, um frei zu werden. – Gottes Freiheit bedeutet zweierlei: Freiheit von dem, was uns in der Welt gefangen hält – unseren Begierden, Sorgen und Zwängen, denen wir uns unterwerfen –, davon will Gott frei machen, um uns dann zugleich ans Leben, die Liebe und Hoffnung zu binden.

Beides können wir auch heute sehen: wie Menschen ohne Geist panisch Klopapier horten oder vom Eingriff in die Freiheit sprechen, weil sie dies oder jenes vorübergehend nicht tun können, während andere einfach solidarisch sind, die Schwächsten nicht zurücklassen und Ideen entwickeln, wie man diese Zeit möglichst gut zusammen übersteht. Wie man dem Leben dient, hat etwas mit Gelassenheit zu tun.

Die Rettung eines Kindes durch einen schottischen Bauern macht das deutlich: Der reiche Vater wollte sich mit Geld bedanken. Der Bauer lehnte ab. Als der Vater den Sohn des Bauern sah, bot er an, ihm ein Studium zu finanzieren. So wurde aus dem Bauersjungen der Arzt Alexander Flemming, der Erfinder des Penicillins. Als der gerettete Sohn Jahre später erkrankte, überlebte er durch Penicillin. Es war Winston Churchill. Er führte den britischen Widerstand gegen Hitler an.

Alles nur Legende? – Mag sein! Aber ich glaube nicht, dass Mitmenschlichkeit und Liebe, dass der Geist Gottes Zufall ist. Und wenn das stimmt, sind wir dem Schicksal nicht heillos ausgeliefert, sondern: Wo wir uns dem Geist Gottes überlassen, wird mit und durch uns Gottes Plan von seiner anderen Welt Wirklichkeit – und das ganz ohne Heer und Gewalt!

Ich wünsche allen, etwas davon zu spüren, jetzt und in der kommenden Zeit. Und dass die guten Dinge, die sich neben allem anderen auch ereignen, unseren Blick auf unser Leben nachhaltig verändern mögen.

Bleiben Sie behütet! Ihr Pfarrer Arndt Klemp-Kindermann

AnGeDacht Ostern

Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. (1. Kor 15, 42)

 Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. (1. Kor 15, 42)
Ein Mann geht über ein Feld. Schwungvoll wirft er mit der rechten Hand Getreidekörner auf den Acker. In einem Tuch, quer über die Schulter gebunden, trägt er das Saatgut. Der Acker schimmert dämmrig blau-lila, der Sämann ist nicht deutlich zu erkennen, aber in seinem Rücken leuchtet eine große runde Sonne und drumherum der ganze Himmel gelb.
„Sämann bei untergehender Sonne“ heißt das Bild von Vincent van Gogh, das diese Szene darstellt. Van Gogh malte viele Saat-Bilder. Er war ein tief religiöser Mensch und kannte die Bibel, die Worte und Gleichnisse Jesu über Saat und Säen.
Der 1853 in den Niederlanden geborene Sohn eines Pastors hatte zunächst viele Berufe versucht: Buch- und Kunsthändler, Lehrer, ja auch Prediger. Mit 27 Jahren entschied er sich Maler zu sein, doch seine psychische Erkrankung trat immer deutlicher zu Tage. Er starb mit 37 Jahren.
Van Goghs Bilder malen gegen die Vergänglichkeit an: immer dieses überwältigende Gelb – Sonnenblumen, Sterne, Getreidefelder und immer wieder die Sonne. Auf dem Gemälde „Sämann bei untergehender Sonne“ nimmt der gelbe Himmel mit der Sonne einen Ticken mehr Raum ein als die dämmrige untere Hälfte.
Die Sonne wird wieder aufgehen, auch wenn es dunkel wird.
Van Gogh malt so ein Dasein vor Augen, das werden soll und das bleibt: verwesliches Leben, das in unverwesliches verwandelt wird. Das gegen die untergehende Sonne, gegen die lebensfeindlichen Mächte arbeitet wie der Sämann. Im Säen werden Vergänglichkeit und Ewigkeit miteinander verwoben.
Davon erzählt Ostern: von der Macht Gottes, die den Gekreuzigten nicht in der Nacht des Todes ließ. Und die den Frauen und Männern, die Jesus gefolgt waren, neue Kraft gab. So konnte die Saat, die der Sämann Jesus gelegt hatte, aufgehen und unverwesliche Hoffnung weitertragen.
Dieses österliche Hoffen und Säen wünsche ich Ihnen mit herzlichen Grüßen
Ihre Pfarrerin Sabine Beuter

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