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Wer war Hans Böhm (Teil 4)

Neubeginn und Wiederaufbau

1945: Deutschland kapituliert vor den Siegermächten. Als Ergebnis des mörderischen zweiten Weltkrieges sind deutsche Städte zerstört. Überlebenden hausen in Ruinen, etwa zwölf Millionen Vertriebenen strömen aus den eroberten deutschen Ostgebieten in die von den Alliierten besetzten Gebiete westlich der Oder. Elf Millionen deutsche Soldaten geraten in Kriegsgefangenschaft und NS-Funktionäre werden vor Militärgerichte der Siegermächte gestellt. Die Aufteilung des Reichsgebietes in Besatzungszonen führt dazu, dass Berlin und Teltow in zwei verschiedenen Besatzungsgebieten liegen. Die Stadtgrenze wird zur Zonengrenze.

Auch die evangelische Kirche lag am Boden. Ihre Kirchengebäude waren vielfach zerstört, die von den Nationalsozialisten geführte Reichskirche löste sich auf, NS-treue Kirchenfunktionäre wurden aus ihren Ämtern gejagt. Die selbstbewusste „Bekennende Kirche“, die schon während ihrer Verfolgung vorausschauend eine „vorläufige Kirchenleitung“ gebildet hatte, (zu der auch Hans Böhm gehörte), nahm die Führungsrolle als „rechtmäßige“ Kirche im Prozess der Neubildung ein.

Neue Ämter für Böhm

Das Siedlungspfarramt gab Hans Böhm auf, als er 1945 mit dem historischen Amtstitel „Propst von Kölln“ an die Berliner St. Petrikirche berufen wurde. Im gleichen Jahr ernannte der inzwischen zum Bischof avancierte Generalsuperintendent Dibelius Böhm zum Mitglied des Konsistoriums der Kirchenprovinz Brandenburg. Ebenso erinnerte man sich Böhms in der Leitung der überregionalen evangelischen Kirche. Der neue Konsistorialpräsident Dr. Tröger schrieb ihm am 16. Juni 1945: „ Im Jahre 1933 sind Sie durch eine Gewaltmaßnahme des von der Nationalsozialistischen Regierung eingesetzten Staatskommissars aus ihrem Amt als Referent des Ev. Oberkirchenrates verdrängt worden. Es ist uns ein Anliegen, das damals geschehene Unrecht, soweit es uns möglich ist, wieder gut zu machen... Wir würden es daher mit Freude begrüßen, wenn Sie sich bereit finden ließen, als nebenamtlicher Referent in den Aufgaben der Berliner Dienststelle des OKR mitzuarbeiten…“

Eine von der Gemeinde her bestimmte Kirche

So geriet Böhm auch in die Synode der neugebildeten Evangelischen Kirche in Deutschland und leitete deren Tagungen als Vizepräses. 1949 wurde Böhm zum geistlichen Leiter der Abteilung Berlin des Konsistoriums mit der Amtsbezeichnung Propst berufen und beteiligte sich am inneren und äußeren Aufbau der evangelischen Kirche. In der Tradition der Bekennenden Kirche lag ihm an einer unabhängigen theologischen Ausbildung, die er jahrelang als Kuratoriumsvorsitzender der Kirchlichen Hochschule in Zehlendorf begleitete. Weitere  Verdienste erwarb er sich als „Vater“ der neuen Grundordnung. Sie wurde geprägt durch die Theologische Erklärung von Barmen und durch Grundsätze, die er bereits in dem gemeinsam mit Dibelius 1936 veröffentlichten Vorschlag „Wie kommt die Kirche zu einer neuen Ordnung?“ umrissen hatte. Anders als die von den Nationalsozialisten „von oben“ beherrschte Kirche sollte sich die neue Kirche von der örtlichen Versammlung der Gläubigen her aufbauen: „Jede Neuordnung der kirchlichen Verfassung muß bei den Einzelgemeinden ansetzen“.

Ökumenische Kontakte

Weiter galt es, der neu gebildeten Kirche einen Platz in der Weltkirche zu verschaffen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Ende 1947 brach Propst Böhm zu einem zweimonatigen Besuch Englands auf, bei dem er deutsche Kriegsgefangene besuchen und Kontakte aus der Zeit seines Besuches mit Bonhoeffer auffrischen konnte. Die Aufwendungen- inklusive Anreise mit dem britischen Militärzug - wurden ihm vom British Council of Churches erstattet. 1948 erhielt Böhm Reisepapiere der britischen Militärregierung zur Teilnahme an der Konferenz des Weltrates der Kirchen in Amsterdam. Später, 1958, reiste er mit einer Kirchendelegation nach Polen.

Die letzten Jahre

Unter dem Motto „Wir sind doch Brüder“ fand 1951 - zehn Jahre vor der Errichtung der Berliner Mauer - der dritte deutsche evangelische Kirchentag statt. Rund 100.000 Teilnehmer versammelten sich in Ost- und Westberlin. Die Leitung dieser Großveranstaltung lag im Wesentlichen bei Propst Böhm. In seinem Amt suchte er auch den Dialog der Kirche mit der Politik und wurde besonders durch die Gespräche mit den Parteien bekannt. 1955 erhält er die Ehrendoktorwürde der Christian-Albrechts-Universität, Kiel.

Das immense Arbeitspensum, Dienstreisen, Nachwirkungen der Haft und die Entbehrungen der Nachkriegszeit setzten dem ohnehin kriegsversehrten Kirchenmann stark zu. Mehrere Kuraufenthalte und Krankheitszeiten unterbrachen sein Schaffen. 1960 entsprach die Kirchenleitung mit Bedauern seinem Antrag auf vorzeitige Versetzung in den Ruhestand aus gesundheitlichen Gründen; die Familie zog aus der Pfarrdienstwohnung an die Adresse Heimat 89 um. Von den Folgen eines Schlaganfalles erholte er sich nicht mehr und verstarb am 3. April 1962. Der Trauergottesdienst fand in der Dahlemer Jesus Christus-Kirche statt, in der ihm viele Weggefährten aus der Bekennenden Kirche das letzte Geleit gaben. Missionsdirektor Lokies hielt die Predigt; Bischof Dibelius und Präses Scharf würdigten ihn in ihren Gedenkansprachen.

Präses Scharf schrieb an die Witwe des Verstorbenen: „Die Christenheit und vor allem die Evangelische Kirche in Deutschland verdankt seinem scharfen Geist, seiner Aufgeschlossenheit, seiner Treue zum Evangelium und seiner letzten Bereitschaft zum Opfer für seinen Herrn und seine Brüder viel, sehr viel“.

Hans Böhm wurde auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof beerdigt. Es wurde kein Ehrengrab der Stadt Berlin – anders als ein paar Schritte weiter das Grab des Künstlers Moritz Meltzer, dessen Malerei die von Böhm mitgegründete Siedlungskirche in Teltow schmückte. Würden auf der Grabstelle nicht (noch) seine älteste Tochter mit ihrem Ehemann ruhen, auf deren Grabstein sein Name schlicht und ohne Titel erhalten ist, er wäre hier vergessen…

Thomas Karzek

 

Text zum Bild:

Böhm (rechts) als Vizepräses auf der ersten EKD-Synode in Bethel, 1949. Neben ihm stehend der Essener Bürgermeister und Präses der Synode (und späterer Bundespräsident) Dr. Dr. Gustav Heinemann. Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 183-R95855 / CC-BY-SA 3.0 (Ausschnitt)

Letzte Änderung am: 06.05.2020